Was bedeutet eigentlich "extra nativ"?

Olivenöl tropft

Jeder, der Olivenöl einkauft und benutzt, ist mit großer Wahrscheinlichkeit über den Begriff "extra nativ" gestolpert. Vielen geht es so, dass sie damit Qualität in Verbindung bringen, aber was genau hinter dem Begriff steckt, ist den meisten unklar. Bevor ich begann, mich mit dem Thema Olivenöl zu beschäftigen, ging es mir übrigens genau so. 

Extra Nativ: eine versuchte Olivenöl-Klassifizierung

Der Ursprung des Begriffs "extra nativ" ist Teil einer EU-Verordnung, mit der die Qualität von Olivenölen in Europa klassifiziert werden sollte. Seitdem wird Olivenöl als eines der am strengsten von der EU regulierten Lebensmittel  in exakt vorgegebenen Güteklassen unterteilt. 

 

Die Qualitätsstufen von Olivenölen  

Olivenöl-Klassifizierung

Die Bezeichnung "natives" Öl meint ein naturbelassenes, kaltgepresstes Speiseöl, in dem Vitamine, sekundäre Pflanzenstoffe und andere Nährstoffe des Ausgangsprodukts enthalten sind. Nativ können nicht nur Olivenöle, sondern auch andere Kern- oder Saatöle (wie Rapsöl, Sesamöl, usw.) sein. 

Die EU wollte der in südeuropäischen Anbauländern so wichtigen Kulturpflanze und dessen Öl besonderen Respekt zollen und etablierte eine Kategorie für die Spitzenqualität von nativen Olivenölen, den "nativen Olivenölen extra". Für diese Olivenöle wurden strenge Obergrenzen für Schadstoffe etabliert und es wurde festgelegt, dass die extra nativen Olivenöle keinerlei sensorische Fehler (wie schlammige, ranzige Noten) enthalten dürfen. Es gibt keine anderen Lebensmittel, die meines Wissens nach EU-weit einen ähnlichen Schutz genießen.

Eigentlich eine gute Idee, eigentlich... Denn ist Ihnen schon mal aufgefallen, dass es mittlerweile fast nur noch extra native Olivenöle in den Supermärkten (selbst in Discountern) zu kaufen gibt? Ich erinnere mich noch, dass es vor 15-20 Jahren auch Olivenöle gab, die nur als "nativ" deklariert waren, bzw. Öle, auf denen nur "Olivenöl" stand. 

Nun könnte man applaudieren und sagen, dass sich die Qualität der Olivenöle so verbessert haben muss, dass alle Öle die höchste Stufe der Klassifizierung erreicht hätten. Dem ist aber leider nicht so. Experten wie Thomas Fuhlrott (Mitglied des Deutschen Olivenöl Panels und unser Olivenöl-Partner) oder Thomas März (Herausgeber des Wein und Olivenöl Magazins Merum) sagen, dass 80-90% des im deutschen Handel befindlichen Olivenöls eigentlich nicht als "extra nativ" verkauft werden dürfte. Was läuft also schief?  

 

Die Olivenöl-Problematik

Die Antwort auf die Frage, warum so viel bei diesem stark regulierten Lebensmittel schiefläuft, ist sehr komplex. Durch meine Recherche und die Gespräche mit Experten bin ich auf immer neue Gründe gestoßen, die ich hier nun zusammengefasst und vereinfacht wiedergeben möchte.

Olivenöl ist ein wichtiges Wirtschaftsgut mit einem jährlichen Handelsvolumen von mehr als zehn Milliarden Euro. Zudem ist es ein landwirtschaftliches Gut, das hauptsächlich innerhalb der EU angebaut wird und somit für die europäische Agrarpolitik interessant ist. Kurzum: Es tummeln sich Spieler mit sehr unterschiedlichen Interessen auf dem Markt. Und leider haben die EU-Verordnungen, die eigentlich Ordnung in den Markt bringen sollten, genau das Gegenteil bewirkt.

Es fängt damit an, dass jeder sein Olivenöl als „nativ extra” deklarieren und in den Verkauf bringen kann. Tests vorab sind nicht notwendig. Es muss erst ein Lebensmittelprüfer ein Olivenöl beanstanden. Dann wird es einer chemischen Analyse unterzogen. Bei dieser gibt es mehr als zwei Dutzend Parameter, die geprüft werden. Leider sind die Analysesysteme so angelegt, dass die industriellen Produzenten genau wissen, wie sie vorgehen müssen, damit ihre Fehler nicht nachweisbar sind.

Aus diesem Grund gibt es mit den Olivenöl Panels eine zweite Kontrollinstanz, die die Olivenöle sensorisch (also geschmacklich) testet. Ein Olivenöl Panel besteht aus mindestens acht Verkostern, die geschult sind, Fehler im Olivenöl feststellen zu können. Eigentlich heißt es in der EU-Verordnung, dass ein Olivenöl nativ extra bei einer sensorischen Prüfung keinen einzigen Fehler aufweisen darf. Allerdings muss das Panel mehrheitlich den gleichen Fehler erkennen. Sagt eine Hälfte, das Öl schmecke „ranzig”, und die andere, es schmecke „schlammig”, so besagt die EU-Logik, dass es fehlerfrei sei. Selbst wenn sich das Panel einigt, kann der Produzent einen Gegentest beantragen, bei dem er sich selbst eines der ca. 50 europäischen Panels aussuchen darf. Das zweite Panel muss sich dann auch mehrheitlich den gleichen Fehler wie das erste Panel erkennen. Finden sie einen anderen Fehler, besagt die EU-Logik erneut, dass es fehlerfrei sei.

Selbst im sehr unwahrscheinlichen Fall, dass sich beide Panels einig sind, bedeutet dies nicht, dass das Olivenöl aus den Regalen genommen wird, da die gerade geschilderte Prozedur viel Zeit in Anspruch nimmt. Somit ist es zu diesem Zeitpunkt sehr wahrscheinlich, dass die Charge der geprüften Flasche bereits komplett verkauft wurde. Eine neue Charge bedeutet eine andere Abfüllung und so beginnt das Prozedere von neuem. Es ist also faktisch so gut wie unmöglich, minderwertige Öle, die als nativ extra deklariert werden, aus dem Verkehr zu ziehen.

Mein Fazit: 

Für Andreas März ist einer der Gründe, dass besonders Mittel- und Nordeuropäer wenig Bezug zu Olivenöl und besonders zum Geschmack von qualitativ hochwertigen Olivenölen haben. Denn die meisten von uns probieren Olivenöle nicht bewusst, sondern tröpfeln es in die Pfanne oder mischen es in den Salat, ohne genau zu wissen, wie das Öl pur schmeckt. 

Es ist aber wichtig eine Wertschätzung für den Geschmack wirklicher nativer Olivenöle extra zu entwickeln und um diese von minderwertigen Ölen auseinander halten zu können. (Probieren Sie sich selbst durch fünf unterschiedliche Olivenöle durch.)

Beim Einkauf dieser Öle geht es wie bei anderen Lebensmitteln auch um Vertrauen. Besonders wichtig ist die Transparenz des Öls. Lässt es sich eindeutig auf eine Mühle zurückverfolgen? Erhält man Ineformationen zum Erntejahr, zur Olivensorte und zum Namen desjenigen, der das Öl gepresst hat?

Auch hilft es zu schauen, ob das Olivenöl freiwillig analysiert worden ist und von unabhängien Laboren und einem Olivenöl Panel tatsächlich als extra nativ eingestuft worden ist. (Lesen Sie auch hier mein Artikel mit Tipps zum Einkauf von Olivenöl.)

Dieser "Aufwand" lohnt sich auf jeden Fall, denn es gibt kaum ein anderes Lebensmittel, dass so lecker und vielseitig sein kann und dass so den Geschmack eines lauen Abends am Mittelmeeer verkörpert wie ein gutes Olivenöl! 

In diesem Sinne bleiben Sie neugierig!

Ihr
Jörn Gutowski
Gründer, TRY FOODS 

 

Im Video: Was genau bedeutet "extra nativ"?